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15.12.2016

Gipfeltreffen der Luft- und Raumfahrtexperten

Prof. Denkena (re.) im Gespräch mit Dr. Mori (© IFW, Nico Niemeyer)

Varel/Garbsen: Beim jährlichen internationalen Branchentreffen zu Fertigungstechnologien und -entwicklungen für die Luftfahrt (MIC2016) waren erneut die führenden Werkzeugmaschinen und Werkzeug- und Flugzeughersteller sowie Zulieferer vertreten: Gut 200 Experten aus 17 Nationen trafen sich im Produktionstechnischen Zentrum der Leibniz Universität Hannover.  

Zum 16. Mal hatten das Institut für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen (IFW) der Leibniz Universität Hannover und das Machining Innovations Network (MIN) zur Machining Innovations Conference for Aerospace Industry eingeladen. Die Luftfahrtindustrie mit ihren besonderen Ansprüchen bei Gewicht und Sicherheit spielt für die Fertigungstechnik eine Schlüsselrolle. In mehr als 30 simultan übersetzten Fachvorträgen und in persönlichen Begegnungen tauschten sich die Experten aus Industrie und Wissenschaft am 23. und 24. November 2016 darüber aus, welche Entwicklungen aktuell stattfinden, was die Branche umtreibt, welche gemeinsamen Herausforderungen bevorstehen.
Nach der Begrüßung von Professor Berend Denkena, Leiter des IFW und Gastgeber der Konferenz, gehörte die Aufmerksamkeit des Fachpublikums den Keynote-Vortragenden Mosahiko Mori, dem Präsidenten der DMG Mori Co., Ltd, größter Hersteller spanender Werkzeugmaschinen weltweit, und Shinichi Inoue, dem Präsidenten der Makino Milling Machine Co., Ltd, die mit rund 4500 Mitarbeitern ebenfalls Werkzeugmaschinen für die Teilefertigung und den Werkzeug- und Formenbau herstellt.
In ihren Keynotes wiesen die beiden Referenten respektvoll auf die besondere Kompetenz des jeweils anderen hin. Mori stellte in seinem Vortrag die Trends bei neuen Werkzeugmaschinen vor: Er betonte insbesondere die Kombination von unterschiedlichen Funktionen und Fertigungsprozessen innerhalb einer Maschine. Die Zukunft gehöre etwa Maschinen, die nicht nur abtragen, sondern außerdem Material auch wieder auftragen könnten, also Additive Manufacturing integrierten. Inoue ging in seinem Vortrag mit dem Titel „Customer Support Technology“ insbesondere auf die Beziehung zu den Kunden ein: Wie können Maschinenhersteller ihre Kunden darin unterstützen, Prozesse produktiver, schneller, sicherer durchzuführen? Eine zentrale Rolle spiele dabei die Prozessüberwachung. In beiden Vorträgen wurde die Relevanz der Digitalisierung deutlich.
Die grundsätzlichen Themen, mit denen sich die Luftfahrtbranche beschäftigt, unterscheiden sich nicht so sehr von denen, die für andere Branchen relevant sind. Der Unterschied liegt vielmehr in der Taktung der Produktion: Während üblicherweise Taktzeiten in Sekunden oder Minuten gemessen werden, heißt die Einheit in der Luftfahrt meist „pro Tag“. Ziel vieler Redner war es – vor dem Hintergrund stetiger Wachstumsraten der Branche – eine Prozesskettenfertigung zu erreichen, die sich stärker an einer Produktion mit höherer Taktung orientiert. Eine Frage nach der Klimarelevanz der angestrebten Wachstumsziele wurde aus der Binnenlogistik der wachsenden Industrie beantwortet: Die Flugzeuge und das Fliegen müssten effizienter werden.
Einen Abstecher ins Weltgeschehen erlaubten sich auch die Konferenzteilnehmer, die Mori und Inoue danach fragten, welche Konsequenzen die Wahl Trumps für den pazifischen Wirtschaftsraum hätte. Die Entwicklung, so die Antwort, sei insbesondere für ihre Branche nicht sehr kritisch, da die US-Maschinen-Nachfrage innerhalb der USA gar nicht selbst gedeckt werden könne.
Mit John Wall – Vizepräsident der Aerospace Dynamics Inc. – schilderte am zweiten Konferenztag ein Anwender aus den USA in seiner Keynote-Rede, wie das große abstrakte „Industrie 4.0“-Schlagwort in seinem Unternehmen, einem großen Zulieferer der Luftfahrindustrie, ganz praktisch und in vielen kleinen Schritten umgesetzt wurde. Christoph Gey, Vizepräsident Material Science, Kennametal Inc. und damit Vertreter der Werkzeugindustrie, benannte in seiner Keynote dagegen auch Grenzen. Er verglich die Entwicklungen in der Werkzeugindustrie mit den Wachstumsraten der Luftfahrtbranche und kam zu dem Schluss: Trotz der vielen Fortschritte und Verbesserungen etwa bei der Titanbearbeitung könne man an das prognostizierte Branchenwachstum nicht herankommen. Das Ziel der Branche müsse es sein, individualisierte Lösungen bereitzustellen.
Eine gute Gelegenheit, die Thesen und Ideen in kleineren Runden zu vertiefen, bot der Rundgang durch das IFW. Professor Denkena und seine Mitarbeiter demonstrierten an verschiedenen Stationen im Versuchsfeld live den aktuellen Stand der Forschung im Hinblick auf Digitalisierung, Werkzeugherstellung und Prozessoptimierung.
Ausreichend Zeit für Gespräche, Diskussionen und Kontakte fanden die Teilnehmer bei kulinarischen Genüssen in den Vortragspausen im Foyer des PZH – inmitten einer begleitenden Fachausstellung branchenspezifischer Unternehmen. Diese nutzten die Gelegenheit, um ihre Produkte und Dienstleistungen einem internationalen Publikum zu präsentieren.
Die Abendgala in der VIP-Lounge im Stadion von Hannover 96 bot später einen exklusiven und doch legeren Rahmen – ob auf dem Rasen, am Stadionsprecherpult oder beim Abendvortrag von Professor Ingo Rechenberg, Bionik-Koryphäe von der TU Berlin. Er schloss seinen Vortrag mit einem Ausblick auf die Bionik der Zukunft, die er „Industrie 5.0“ nannte; er präsentierte eine Produktion, in der sich technische Systeme evolutionär selbst weiterentwickeln. Eine Beschreibung, die überraschend nahe an die Vision des Sonderforschungsbereichs „Gentelligente Bauteile“ herankommt, der seit vielen Jahren am IFW angesiedelt ist und als Grundlagenlieferant der „Industrie 4.0“ gilt. Welche Konsequenzen eine solche Industrie 5.0 auf die Luftfahrbranche haben könnte, wurde angesichts der sportlichen Umgebung an diesem Abend allerdings nicht mehr zu Ende diskutiert.  

Die nächste Fachkonferenz „MIC2017 - 17th Machining Innovations Conference for Aerospace Industry“ findet am 6. und 7. Dezember 2017 am PZH in Hannover-Garbsen statt.

Machining Innovations Network e. V.
Der Machining Innovations Network e.V. ist das Netzwerk für innovative Zerspanungstechnologie von schwerzerspanbaren Metallen und die kontinuierliche Optimierung der Produktion. Im Jahr 2010 vom führenden Luftfahrtzulieferer Premium Aerotec GmbH mit 28 Partnern und dem Schwerpunkt Titanbearbeitung initiiert, ist das Netzwerk mittlerweile auf 70 Mitglieder gewachsen. Es werden gemeinsam von Industrie und Forschung technologiegetriebene Fertigungslösungen entwickelt und zur wirtschaftlichen Anwendung in Luftfahrt, Medizintechnik, Schienenfahrzeugbau und weiteren Industrien gebracht. Die Unternehmen und Forschungsinstitute bündeln im Netzwerk ihre Kompetenz und ihr Know-how mit den Zielen der gemeinschaftlichen Entwicklung von innovativen Produkten und Prozessen sowie dem Aufbau von profitablen Geschäftskontakten und -feldern. Die Geschäftsstelle des Machining Innovations Network wird von der innos-Sperlich GmbH geleitet. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Innovationsdienstleistungen - von der Strategie bis zum Marketing. 

Institut für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen an der Leibniz Universität Hannover (IFW)
Das IFW beschäftigt sich mit sämtlichen Aspekten der spanenden Fertigungstechnik: vom Zerspanprozess über die Maschinenentwicklung bis zur Fertigungsplanung und -organisation. Dabei verbindet es experimentelle, theoretische und simulationsgestützte Methoden und deckt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisnahe Forschung und Entwicklung sowie Dienstleistungen und Beratung ab. Die enge Verzahnung von Universität und Industrie ist für das IFW - als Mittler zwischen Forschung und Praxis - ein Grundpfeiler der Arbeit. Neben Forschung und Entwicklung ist die Ausbildung von Studenten eine zentrale Aufgabe. Das Lehrangebot umfasst sämtliche Bereiche, in denen das IFW auch in der Forschung aktiv ist (Fertigungsverfahren, Maschinen und Steuerungen, Fertigungsplanung und -organisation, Hochleistungsproduktion CFK - Außenstelle Stade).

Dateien:
161205_PM_MIC2016.pdf705 K
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Summary
Nachbericht
20.-22. November 2017, Frankfurt